Sie fliegt davon. Sie erhebt sich langsam über die Dächer, wird immer kleiner in der Ferne.
Ich blicke ihr nach. Sie ist gerade weg und ich vermisse sie schon. Vor einem halben Jahr hatte ich sie gefunden. Sie saß verschreckt, ängstlich an einer Mauer.
Ich kam gerade aus der Schule. Erst lief ich in Gedanken versunken vorbei, dann stutze ich, ging noch einmal zurück und sah sie.
Sie guckte mich an, legte den Kopf seitlich dabei. Ich ging langsam auf sie zu. Sie machte sich kleiner, drückte sich näher an die Wand.
Ich sprach beruhigend auf sie ein.
Als ich sie berührte, wartete ich darauf, dass sie mich piekte, bereit zurückzuzucken.
Aber sie tat es nicht. Ich nahm sie behutsam auf meine Arme und ging nach Hause.
Meine Mutter war erst nicht begeistert. Sie meinte, das wäre bestimmt ein Junges , aus dem Nest gefallen. Und jetzt, wo ich es berührt hätte, würde die Mutter es nicht mehr aufnehmen.
Ich sagte ihr, eine Katze hätte es fressen können.
Sie gab ihr Ok, nachdem ich hoch und heilig versprochen hatte, mich um die Krähe zu kümmern.
Natürlich wurde das Verbot erteilt, sie im Haus zu halten.
Sie durfte nur im Garten sein. Das brach mir das Herz. Das arme Tier, nachts in der Dunkelheit draußen. Die Katzen, Ratten, es graute mir bei der Vorstellung. Aber was sollte ich machen?
Ich nahm einen alten Kaninchenkäfig, der noch in der Garage rumflog.
Streu tat ich rein, eine Wasserschale, Körner, die ich aus der Küche stahl.
Den Schlafplatz machte ich aus Lappen und Wattebällchen, die ich mir aus dem Bad nahm. Meiner Schwester würden die schon nicht fehlen.
Ich setzte die Krähe hinein, beobachtete sie.
Sie war noch ängstlich so schien es mir, drückte sich in die Ecke eines Käfigs, machte sich klein.
Nach einiger Zeit piekste sie in den Körnern herum und trank auch Wasser.
Aufgeregt sprang ich auf und rannte in die Küche. Ich erzählte es meiner Mutter. Die ließ sich aber nicht so von meiner Begeisterung anstecken. Aber immerhin gab sie mir noch ein Stück rohen Schinken.
Ich lief zurück, zeigte meiner Krähe die Trophäe. Dann legte ich ihr den Schinken hinein. Aber sie nahm ihn nicht. Na ja.
Ich musste Abendessen. Es wurde langsam dunkel. Ich verabschiedete mich von meinem neuen Gefährten. Am Schluss deckte ich den Käfig noch mit einer Decke zu. Natürlich ließ ich Luftlöcher, sie sollte ja nicht ersticken.
Mein Begleiter wuchs mir mit den Tagen immer mehr ans Herz. Und auch ihm schien es ähnlich zu gehen. Vor der Schule fütterte ich ihn, nach der Schule durfte er im Garten herumlaufen.
Dann kamen die Sommerferien und ich konnte den ganzen Tag mit meiner Krähe verbringen. Azmael nannte ich sie.
Mit der Zeit ließ sie sich von mir füttern. Wenn ich zum Käfig kam, flatterte sie aufgeregt mit den Flügeln und krähte.
Ich machte es nach und bald hatten wir unsere eigene Sprache.
Wenn ich meiner Mutter im Garten half, so kam sie mir immer hinterher. Wie mein kleines Känguruh sprang sie dabei um mich herum. Musste ich mal schnell ins haus, weil das Telefon klingelte, ging im Garten das Theater los. Sie krähte, krächzte alle zusammen, war aufgeregt und ließ sich erst wieder beruhigen, wenn sie mich wieder sah.
Ich liebte sie. Und eine Verbindung, die nur wir verstanden, bestand zwischen uns.
Aber eines Tages fing sie an ihre Flügel mehr zu benutzen. Sie probierte zu fliegen.
Meine Mutter sagte mir, dass sie wahrscheinlich wegfliegen würde.
Ich verstand das nicht. Wieso sollte sie wegfliegen? Hier war doch alles, was sie bräuchte. Und hier war auch ich.
Meine Mutter erklärte mir, dass sie ihre Freiheit bräuchte und auch andere Krähen.
So sei die Natur. Und vielleicht komme sie auch zurück.
Nun, dieser Tag war heute. Verabschiedet hatte ich mich schon von ihr. In den letzten Tagen hatte ich ihr den teuersten Schinken gegeben, den wir hatten. Wüsste meine Mutter das, gäbe es Theater.
Aber es war mein Abschiedsgeschenk. Ich sagte ihr, dass sie jederzeit wiederkommen könne. Ich immer auf sie warten würde.
Als sie immer kleiner wird am Horizont, wünsche ich ihr viel Glück in Gedanken.
Soll sie andere Krähen mitbringen, sie dürfen alle hier wohnen. Platz genug ist da.
Ich sitze im Garten, warte bis es dunkel wird. Vielleicht kommt sie dann zurück?
Will in den Käfig?
Aber sie kommt nicht. Ich denke an die Katzen da draußen, die Gefahren und hoffe, dass ihr nichts passiert.
Als meine Mutter mich ins Haus ruft, es sei spät, ich müsse schlafen, gehe ich noch einmal zum Käfig.
Ich decke ihn wieder zu. Für den Fall der Fälle.
Vielleicht kommt sie ja morgen wieder?
Ich hoffe es so sehr.
Ich vermisse sie, meine Krähe, meinen Begleiter.





